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STANDPUNKT

Physiologische und sportmedizinische Grundlagen der Gesundheitsförderung in der Gesundheitssprechstunde

Holger Gabriel

In: Wozu gesund? Prävention als Ideal (Hrsg: R. Albrecht, N. Knoepffler, W.H. Eberbach), Kritisches Jahrbuch der Philosophie, K&N Verlag, Band 16, 2015, S. 39-55

Zusammenfassung

"Was unter Gesundheitsförderung zu verstehen ist, hängt vom Verständnis von Gesundheit und Krankheit ab. Das medizinische System versucht, insbesondere die körperliche und (patho-)physiologische Dimension aus objektiver und im Wesentlichen naturwissenschaftlicher Perspektive Krankheit zu beschreiben. Um medizinische Entscheidungen zu ermöglichen, ist es meines Erachtens erforderlich, dem Verständnis von Gesundheit und Krankheit dichotome Modelle zugrunde zu legen. Dies entbindet Ärzte nicht davon, die subjektive und kommunikative Perspektive des Patienten einzubinden. Die Gefahr, Krankheiten und nicht kranke Menschen zu behandeln, ist eine reale Gefahr, das eigentliche ärztliche Anliegen zu verfehlen: Kranken Menschen zu helfen.

Gesundheitsförderung über das Medizinsystem hinaus erfordert die Verwendung komplexer Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit. Im eigenen Verständnis des Autors werden Gesundheit und Krankheit als Weisen des Lebens gesehen. Das orthogonale und mehrdimensionale Gesundheitsmodell nach Rieger liegt der Gestaltung einer sportmedizinischen Gesundheitssprechstunde zugrunde. Das vordergründige Ziel des Erhalts, der Förderung, Wiederherstellung oder angemessener Begleitung des unvermeidlichen Abbaus körperlicher Funktionsfähigkeit wird verbunden mit den seelischen und sozialen Dimensionen. Die Integration in das konkrete Leben der gesunden und kranken Menschen soll die Verschränkung der Befähigung zu sowohl Funktions- als auch Umgangsfähigkeit beinhalten.

Die physiologischen Grundlagen des Lebens unterliegen lebenslang einem Wandel. Die physiologischen Ressourcen sind begrenzt, zugleich sind sie jedoch gestaltbar. Bewegung, Übung, Training und Sport sind Gestaltungsmöglichkeiten der physiologischen Gegebenheiten in jeglichem Alter und mit jeglicher Leistungsfähigkeit. Bewegung und Lebensführung hängen wechselseitig zusammen. Körperliche Aktivität und Leistungsfähigkeit ermöglichen die Gestaltung der individuellen Lebensführung. Im umgekehrter Richtung beeinflusst die individuelle Lebensführung sowohl die körperliche Aktivität als auch die körperliche Leistungsfähigkeit. Das Zusammenspiel in beiden Richtungen ermöglicht die Reflexion über den Umgang und die Umgangsfähigkeit mit den eigenen körperlichen, seelischen und sozialen Funktionen vor dem Hintergrund eigener Menschenbilder, Weltanschauungen und Wertevorstellungen. Daraus mag das eigentliche Ziel der Betrachtungen und Bemühungen um Gesundheit liegen: Die selbstverantwortete Lebensführung, eine Lebensführung, die den Menschen Mensch sein lässt und damit Gesundheit Gesundheit und Krankheit Krankheit sein lässt. Offen bleibt dabei die Frage, wem oder was gegenüber die Verantwortung besteht: Einer selbstgewählten letzten Wirklichkeit oder einer dem Menschen von außen unhintergehbar vorgegebene letzte Wirklichkeit. Die Beantwortung dieser Frage wird ohne eine anthropologische Grundlegung, mit oder ohne Bezug auf eine Philosophie, mit oder ohne Bezug auf eine Theologie nicht gelingen können.

Richard Siebecks Frage `Gesundheit, wozu?´ und Karl Barths Forderung `Mens sana in corpore sano - in societate sana´ weisen darauf hin, dass in Gesundheitsfragen Verantwortung nicht nur sich selbst gegenüber besteht, sondern die Selbstverantwortung eine soziale Dimension beinhaltet. Indem der Mensch über den Tellerrand seines eigenen Ichs hinausschaut und sich selbst übersteigt, also transzendiert, mag die selbstverantwortete Lebensführung als Antwort auf das ihm von anderen Vorgegebene und Ermöglichte erkennen und die Übernahme von Verantwortung nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere ermöglichen. In einer verantwortungsvollen Gemeinschaft darf er sich dann auch sicher sein, dass nicht nur er die Verantwortung für sich und die anderen erkennt, sondern dass er auch als solcher erkannt wird, den andere befähigen und für den andere - gerade in Zeiten von Krankheit, Schwäche, Hilfsbedürftigkeit und Sterben - im Zweifels- und Notfall Verantwortung menschenangemessen übernehmen wollen.

Victor von Weizsäcker plädiert in seiner medizinischen Anthropologie für einen Gesundheitsbegriff, wonach gelte: `gesund sein heiße nicht, normal sein, sondern es heiße: sich in der Zeit verändern, wachsen, reifen, sterben können.´1 Und auch hier bleibt die Frage offen, wohin der Mensch als homo temporalis in seinen Gesundheitsbemühungen, seinem Altern und seinem Sterben unterwegs ist: Einer durch den Menschen selbstbestimmten (Un-)Endlichkeit entgegen oder auf eine futura forma hin, eine Zielbestimmung, die dem menschlichen Zugriff entzogenen bleibt.2 "

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1 Victor von Weizsäcker: Medizinische Anthropologie - Ärztliche Fragen. GS 5, 294; siehe in: Hans-Martin Rieger: Der ewig unfertige Mensch. BThZ, 24(2), 2007, S. 319-341).
2 These 28 von Martin Luthers Heidelberger Disputation (1518), StA I, 212, 8-17; siehe in: Hans-Martin Rieger: Der ewig unfertige Mensch. BThZ, 24(2), 2007, S. 319-341).